Samstag, 7. Mai 2011

Ramallah - 07.05.

Heute früh holt uns Suleiman Abu-Dayyeh vom Hotel ab, um uns den ganzen Tag in Ramallah zu begleiten. Suleiman ist ein Sozialwissenschaftler, der sein Studium in Bochum und Bonn absolviert hat. Seit 1994 leitet er die Palästinaabteilung bei der Friedrich-Naumann-Stiftung in Jerusalem.


Suleiman Abu-Dayyeh

Wir kriegen einen anderen Bus, denn Moti, unser Busfahrer, darf als jüdischer Israeli die Grenze zu palästinensischem Gebiet nicht passieren. Auch umgekehrt: um die Grenze von Ramallah nach Israel durchqueren zu dürfen, brauchen Palästinenser eine Sondererlaubnis, die von den israelischen Behörden ausgestellt werden muss. Seit der zweiten Intifada hat sich die Situation zusätzlich verschlechtert, und die Kontrollen wurden verstärkt, so dass es am Grenzübergang zu ständigen Staus kommt.

Zunächst fahren wir durch Ost-Jerusalem, ein umstrittener Stadtteil, bewohnt, wie Suleiman berichtet, von 180.000 Juden und 240.000 Palästinensern. Dass in den letzten Jahren die Anzahl der jüdischen Bevölkerung stark gestiegen ist, wird von den Palästinensern mit Sorge beobachtet: sie haben immer noch die Hoffnung, dass diese, im Sechs-Tage-Krieg von Israel eroberte, Stadt eines Tages ihnen gehören wird.

Wir nähern uns dem Calandia Checkpoint – dem größten Grenzübergang auf dem Weg nach Ramallah – die Hauptstadt der Autonomiegebiete. Noch vor dem Posten erhebt sich auf einer Seite eine Mauer, die Palästinenser von…. Palästinensern trennt. Und für Israelis Anschläge verhindern soll. „Das ist eine politische Mauer. Alles, was hier passiert ist politisch“, erklärt Suleiman. Wir passieren den Checkpoint ohne Kontrolle – die gelben israelischen Kennzeichen bewirken Wunder!

In Ramallah fahren wir direkt zur Zentrale des Palästinensischen Roten Halbmondes, was unserem Roten Kreuz entspricht. Dort wird der Seminartag stattfinden.

Rammallah im Zentrum


Die Vorträge sind sehr aufschlussreich. Prof. Khali Shikaki, Direktor des Palestinian Center for Policy and Survey Research erzählt uns von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Autonomiegebieten. Das Institut erhebt seit Jahren Umfragen zu diesen Themen.
Die größte Tragödie liegt aus seiner Sicht darin, dass 1948 die Palästinenser nicht nur ihre Häuser und ihre Heimat, sondern auch ihre nationale Identität verloren haben. Um sie wiederzugewinnen fordern sie das Rückkehrrecht und die Rückgabe ihres Besitzes, die Rückkehr zu den Grenzen vor 1967, einen souveränen Staat, Ost-Jerusalem als Hauptstadt und Kontrolle über die heiligen Plätze in Jerusalem. Gleichzeitig belegen die Umfragen, dass die meisten Beteiligten in vielen Punkten kompromissbereit sind. Bis auf das Rückkehrrecht, die Anerkennung des Besitzes und die Souveränität der Heiligen Plätze. Deshalb ist gerade in diesen Punkten ein Kompromiss besonders schwierig zu finden. Mittlerweile hat man hier aufgehört, an die Diplomatie zu glauben und fordert eine Resolution des Sicherheitsrates, in der Israel aufgefordert wird, Palästina als souveränen Staat anzuerkennen. Das wurde vor allem von jungen Menschen forciert, die sich schon jetzt auf eine gewaltlose Protestwelle wie Streiks oder Checkpoint-Blockaden vorbereiten, erläutert uns Shikaki. Bald wird es in den Autonomiegebieten eine neue Regierung geben. Mal sehen, was dann passiert. 

Calandia Checkpoint

Professor Mohamoud Yazbak ist Historiker an der Universität Haifa und beschäftigt sich mit den Vertreibungstraumata der palästinensischen Flüchtlinge des Jahres 1948. Er hat an der Uni Haifa ein israelisch-palästinensiches Projekt durchgeführt, das sich anhand von Archivfotos mit der Gedenkkultur auf beiden Seiten konzentriert. Vor allem wollte er wissen, wie sich die junge Generation der Juden und der Palästinenser an die Vertreibung erinnert. Es stellte sich heraus, dass die jungen Palästinenser durch familiäre Tradierung ein sehr klares Bild des Geschehens hatten, während die jüdischen Studenten oft die präsentierten Bilder nicht einordnen konnten. In Israel leben heute 300.000 Palästinenser, die Prof. Yazbak „internal refugees – innere Flüchtlinge“ nennt. Sie sind aus ihren Dörfern vertrieben worden und leben meistens in der Nähe ihrer alten Familienhäuser. Die Erinnerung an Nakba – Katastrophe – ist in diesen Familien immer noch sehr lebendig. Palästinenser – auch arabische Israelis – erinnern sich an diesen Tag der "Nakba". Am 23. März 2011 verabschiedete die Knesset das sogenannte "Nakba-Gesetz", das Institutionen, die "die Fundamente des Staats und seine Werte" untergraben, von der Finanzierung durch öffentliche Gelder ausschließt. So kommt es vor, dass aus Protest in den arabischen Schulen manchmal verweigert wird, über den Holocaust zu Unterrichten. Auf lange Sicht wird diese Politik Israels dem Staat nicht dienen, meint Yazbak.

Neue Häuser in Ramallah

Nach dem Mittagsessen machen wir einen Spaziergang durch die Stadt. Im Zentrum wimmelt es von Menschen. Man sieht vor allem viele junge Frauen mit tuchbedeckten Köpfen, aber einige auch ohne Kopftuch. Überall wird viel gebaut. Ramallah boomt, erklärt uns Suleiman. Auf dem Hauptplatz der Stadt stauen sich die Autos, auf dem Bürgersteig stehen Frauen und Männer, die die Freilassung ihrer Familienangehörigen aus der israelischen Gefangenschaft fordern. Überall hängen Plakate, die an den sich nähernden 63. Jahrestag der Nakba am 15. Mai erinnern. Es ist der Tag, an dem der Staat Israel proklamiert wurde. Für Palästinenser ein nationaler Trauertag.

Forderung nach Freilassung Familienangehöriger am Straßenrand

Wir machen eine Schleife um das Zentrum und kehren zurück zu unserem Seminarraum. Dort treffen wir Dr. Sameech Hamoudeh, Politikwissenschaftler und Anthropologe, Gründer des Ramallah Stadtarchivs. Er referiert über über Erinnerungen und Verarbeitungsmuster bei Flüchtlingen der Jahre von 1948 bis 1967. Er vertritt die Meinung, dass eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts nicht politischer, sondern kultureller Natur sei. Zwei separate Staaten seien keine Lösung, denn irgendwann würden sie wieder gegeneinander kämpfen. Bisher befürworteten alle Projekte eine Separierung der Menschen, statt sie zusammenzuführen. Doch Menschen müssen die Koexistenz praktizieren, um zusammen leben zu können, sagt er. Es ist nicht einfach, gibt er zu, doch auch nicht unmöglich. 

Manal Alkhalde und Muhannad Azzeh
 
Zum Schluss begegnen wir zwei jungen Menschen: Manal Alkhalde und Muhannad Azzeh. Beide sind in Flüchtlingslagern geboren. Manal, gelernte Designerin, arbeitet als Lehrerin in einer UN-Schule im Flüchtlingslager Aljalazon. Muhannad studierte in der Kunsthochschule und beschäftigt sich mit der oral history der Flüchtlinge. Sie erzählen uns von ihren Familien und von dem Leben im Lager, von der Enge und dem Mangel an Privatsphäre, aber auch vom Gefühl der Zugehörigkeit, Vertrautheit und Gemeinsamkeit. Sie sind fest entschlossen, die Erinnerung an die Familiengeschichte aufrecht zu erhalten und sie an ihre Kinder weiterzugeben. Manal möchte sie mal zu dem Ort führen, wo ihre Großeltern herkamen. Muhannad zieht aus der Hosentasche seinen Schlüsselbund, an dem eine Kopie des Hausschlüssels hängt, den seine Oma auf die Flucht mitgenommen hatte. Er trägt den Schlüssel zu einem Haus, das es nicht mehr gibt…

Gegen Abend fahren wir zurück nach Jerusalem. Confused.

Rammalah zur Rush Hour


Fotos: Anna Maria Adamczyk, Katarzyna Weintraub

Freitag, 6. Mai 2011

Tabgha, Genezareth, Golanhöhen - 06. Mai

Heute fahren wir nach Jerusalem – die letzte Station unserer Reise.
Am Morgen treffen wir Henry Stern, Jahrgang 1925, einer der Gründer des Kibbutz Lavi. Stolz führt er die Gruppe durch seinen Kibbutz. Der 1949 auf einem Hügel von Untergaliläa durch 50 Mitglieder der orthodox-jüdischen Pionierbewegung Bachad-Bnei Akiva gegründete Kibbutz gehört zu den reichsten in Israel. Wenn man sich heute seine schönen Einrichtungen und grünen Wiesen anschaut, ist es schwer zu glauben, in welch spartanischen Verhältnissen am Anfang die ersten Kibbutzniks lebten. Im Laufe der Jahre hat sich das geändert. Seinen heutigen Wohlstand verdankt Lavi der traditionellen Landwirtschaft, der Vieh- und Geflügelzüchtung sowie dem Tourismus und einer Fabrik, die Möbel für Synagogen weltweit baut und exportiert. 

Henry Stern

Lavi ist einer von 16 religiösen Kibbutzim. Eine Seltenheit unter den ca. 260 Gemeinschaftssiedlungen in Israel. Das Prinzip dieser Gemeinschaften ist einfach: jedes Mitglied gibt von sich alles, was er kann und bekommt alles, was er braucht. Alle 650 Mitglieder des Kibbutz sind religiös. Da wir am Donnerstag, dem Vorabend des Schabbats/Sabbats eintreffen, sehen wir, wie viele orthodoxe Juden in das 4-Sterne-Kibbutzhotel strömen. Sie kommen hierher, um in der Natur mit ihren Familien das Wochenende zu verbringen, wobei sie sicher sein können, dass alle religiösen Vorschriften eingehalten werden.

Hügel von Galiläa, Blick vom Kibbutz Lavi

Auf unserer Reise über jüdische Erinnerungskultur in der Gegenwart, setzen wir uns ebenso mit den Orten der Wiege des Christentums auseinander. Nach der Abfahrt aus dem Kibbutz begeben wir uns zu dem 16 Kilometer entfernten See Genezareth, wo sich Jesus Christus drei Jahre lang aufgehalten haben soll. In Capernaum hielt er seine erste Predigt, hier bewirkte er laut Erzählungen die meisten seiner Wunder. Unterwegs besuchen wir einen solchen Ort – Tabgha, wo sich die Brotvermehrungskirche befindet.

Die Brotvermehrungskirche in Tabgha

Und schon geht es weiter am See Genezareth entlang Richtung Jordantal. Auf der linken Seite ziehen sich die Golanhöhen entlang, auf der rechten sehen wir jüdische Kibbutzim mit Plantagen von Datteln, Bananen, Granatäpfeln und anderen tropischen Früchten. Wir fahren an dem ältesten Kibbutz Israels, Deganya, vorbei, der schon 1909 gegründet wurde.
Vor 1967 gehörten die Golanhöhen zu Syrien und wurden in dem Sechs-Tage-Krieg von den Israelis erobert. Erst wenn man sich die Nähe des Golan-Plateaus zu den direkt an seinen Füßen liegenden Siedlungen anschaut, wird deutlich, welche strategische Bedeutung die Region hat. In dieser Region gehört die Macht denen, die das Wasser kontrollieren.Wenn man bedenkt, dass sich im Norden des Golans auch drei Quellen befinden, die in den Fluss Jordan übergehen, versteht man es.

Die Golanhöhen

Den Fluss Jordan bekommen wir nur flüchtig zu Gesicht. Ohne Hindernisse und ohne jede Kontrolle überschreiten wir die „Grenze“ zur West Bank und fahren weiter die jordanische Grenze entlang. Seit dem 1994 mit Jordanien unterschriebenen Friedensvertrag ist sie die ruhigste Grenze Israels und nur mit einem niedrigen Stacheldrahtzaun markiert. Auf der rechten Seite fahren wir an Jericho vorbei, die älteste Stadt der Welt, die 13.000 Jahre zählt. Jetzt befinden wir uns an der alten Pilgerstrasse, die Jesus von Jericho nach Jerusalem nahm. Wieder kommt ein Checkpoint und schon nähern wir uns dem Toten Meer – dem niedrigsten Punkt der Welt. Zum Bedauern Vieler biegen wir ab und begeben uns direkt nach Jerusalem, wo Hanni, unsere Reiseleiterin, noch viel mit uns vor hat. Auf dem Weg sehen wir Beduinendörfer, die aus sehr einfachen Behausungen mit Zeltplanen und Wellblech bestehen.

Blick vom Ölberg

Dann sind wir schon in der Heiligen Stadt und vom Ölberg bekommen wir den ersten Panoramablick auf Jerusalem mit dem Tempelberg und der goldenen Kuppel des Felsendoms in der Mitte zu sehen. Atemberaubend. Dann geht es los in die Altstadt. Hier spricht jeder Stein Geschichte. Zunächst halten wir eine Weile an der Klagemauer. Man sieht hier viele ultraorthodoxe Juden, die noch vor dem Schabbatanfang an der Mauer beten. Natürlich beten Männer und Frauen separat. 

Betende an der Klagemauer

Hanni führt uns entlang der Stationen der Via Dolorosa, dem letzten Weg Christi, bis zur Grabeskirche, wo er gekreuzigt und begraben sein soll. Hier wimmelt es nur so von christlichen Pilgern aus allen möglichen Nationen und Orientierungen. Dann laufen wir durch die schmalen bedachten Gassen des arabischen Basars, den suk, und weiter bis zum Jaffa-Tor, wo der Bus schon wartet, um uns ins Hotel zu bringen.

Die Tage hier sind so spannend, dass ich erst jetzt merke, dass ich noch das Wetter hier mit keinem Wort erwähnt habe. Also, es ist in Ordnung, aber kühler als in Tel Aviv.

Jerusalems Altstadt

Fotos: Anna Maria Adamczyk, Katarzyna Weintraub

Mittwoch, 4. Mai 2011

Arabisch-Israelische Betrachtungen. Givat Haviva und Bartaa

Wir verlassen Tel Aviv und begeben uns nach Givat Haviva. Es ist eine Bildungs- und Begegnungstätte, die sich für jüdisch-arabische Verständigung einsetzt. Sie wurde 1949 gegründet und hat ihren Sitz in einem südlich von Haifa gelegenen Areal der (links-sozialistischen)  Kibbutz - Artzi Bewegung. Hier beginnen wir, uns eingehender mit jüdisch-arabischen Problemen zu beschäftigen. 

jüdisch-arabisches Zentrum für Frieden

An der Einfahrt erwartet uns schon an einer breiten Wiese Lydia Aisenberg. Sie wurde 1946 in Wales geboren und wanderte 1969 nach Israel ein, wo sie seitdem als freie Journalistin und Mitarbeiterin von Givat Haviva tätig ist. 

Ayelet Roth und Samer Atmane

Nachdem sie uns die Aktivitäten der Begegnungsstätte erklärt hat, stellt sie uns den Direktor für Entwicklung des „Abraham Fund“, Mohammad Darawsche, vor. Er berichtet uns aus arabisch-israelischer Sicht über Geschichte und Probleme, die seit der Gründung des israelischen Staates im Mai 1948 bis heute das Zusammenleben der beiden Bevölkerungsgruppen beeinflussen.

Auf einer Zeitskala markiert er die besonderen Ereignisse dieser Geschichte. Als eine der größten Tragödien sieht er die Flucht und Vertreibung der Palästinenser und den damit verbundenen Verlust der Eliten. Erst nachdem die Araber, die in Israel blieben (und auch die israelische Staatsbürgerschaft erhielten), mit den Jahren den Status quo akzeptierten, und die Israelis die palästinensische Bevölkerungsgruppe 1966 unter zivile Verwaltung stellten, entspannte sich die Lage. Die Araber fingen an, sich zu „israelisieren“, ihre Eliten und eine Mittelschicht aufzubauen. Das bedeutete aber nicht, dass sie ihre Hoffnung auf das Rückkehrrecht und auf die Rückgabe des von den Israelis annektierten Landbesitzes aufgegeben haben.

Checkpoints wie diesen gibt es überall im Land

Erst die Osloer Verträge, die 1992 unterschrieben wurden, weckten neue Hoffnung auf eine erfolgreichere Koexistenz. Das Vertrauen in die Politiker wuchs, als Ehud Barack 1999 in der Wahlkampagne versprach, die vier arabischen Parteien in die Koalitionsverhandlungen aufzunehmen. Er hat jedoch sein Versprechen gebrochen, und das Vertrauen ist seitdem wieder gesunken. Die Forderung nach einer Repräsentation in der Knesset erfüllte sich erst 2007, als der erste arabische Minister ins Kabinett aufgenommen wurde. Kurz darauf betonte der israelische Präsident in einer Rede, dass in Israel Araber „institutionell und freiheitsberaubend diskriminiert“ würden. Doch auch dieser Satz trug nicht zu einer Annäherung zwischen den Juden und den israelischen Arabern bei. Nach wie vor leben sie mit dem Rücken zueinander. Auch die getrennten Schulsysteme sind nicht sonderlich hilfreich für die Kommunikation.

Deswegen fand ich die Präsentation des von Givat Haviva geführten Projekts „Face-to-face encounters“ äußerst interessant. Darin handelt es sich um organisierte und fachmännisch geleitete Begegnungen zwischen arabischen und jüdischen Schülern. Nach der Vorbereitung kommen sie nach Givat Haviva zu einem zweitägigen Workshop, der sie füreinander und ihre jeweilige Auffassung der Geschichte sensibilisieren soll. Dadurch entstehen erste Kontakte, die notwendig sind, um einen Dialog aufzunehmen. Ayelet Roth, jüdische Co-Leiterin des Projekts und Samer Atmane, der arabische Koordinator, die uns das Projekt vorgestellt haben, sind sich bewusst, dass man hier keine Wunder erwarten kann. Die wechselseitige Verständigung ist ein mühsamer Prozess, hier wird geholfen, die ersten Schritte in diese Richtung zu machen.

Lydias Karte von der Grünen Linie

Dann wird es spannend. Lydia Aisenberg fährt mit uns an der Grünen Linie entlang. So heißt die Grenzlinie, de jure immer noch Waffenstillstandslinie seit dem israelisch-arabischen Krieg 1948/49, die Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten trennt. Die Grüne Linie ist mit dem Auge nicht zu erkennen. Wir verfolgen sie auf einer Karte, die Lydia für uns vorbereitet hat. Auf dieser Karte ist auch eine andere Linie zu sehen, die einigermaßen parallel zu der grünen verläuft. Sie markiert den Weg der Sperranlage. Diese besteht hauptsachlich aus einem Zaun und Stacheldraht, nur zu 20% aus einer Mauer. Sie wurde in der Zeit der Zweiten Intifada von Israel errichtet, als sich der Staat und seine Bewohner zunehmend von palästinensischen Selbstmordattentaten bedroht sahen. Einerseits verständlich. Andererseits aber empörend, denn sie befindet sich an manchen Stellen tief im (theoretisch) palästinensischen Gebiet. Wir fahren nach Bartaa. Es ist ein Dorf, wo wir die ganze Absurdität der Lage vor Augen haben. Bartaa wurde in Folge des 1. israelisch-arabischen Kriegs bis 1967 in einen westlichen israelischen und einen östlichen palästinensischen Bereich geteilt und ist mittlerweile ein "Dorf mit gespaltener Persönlichkeit". Zum Beispiel besitzen mehr als dreihundert Einwohner Ost-Barta’as einen israelischen Pass. Das begehrte Dokument erhielten sie über ihre eingeheirateten Frauen, die West-Barta’aris und damit Israelinnen sind. Die aus diesen Ehen hervorgegangenen Kinder haben wiederum das Recht, eine Schule auf der israelischen Seite zu besuchen.
„Are you confused, seid ihr verwirrt?“, fragt Lydia. „Weil wenn ihr nicht verwirrt seid, dann stimmt etwas nicht“. Wir geben zu, wir sind confused. Sogar very confused…

An der Grenze auf israelischer Seite

Über diese Brücke verläuft die Grüne Linie



Auf der arabischen Seite der Grünen Linie

Dienstag, 3. Mai 2011

Zwischen jüdischer Erinnerungskultur und Sicherheitspolitik. Tel Aviv, der dritte Teil

Es ist unmöglich, die jüdische Erinnerungskultur in Israel zu verstehen, ohne zu wissen, was die Shoah und die Religion für jüdische Israelis bedeuten. Das vermittelte uns in zwei Vorträgen Prof. Natan Sznaider, Dozent für Soziologie am Tel Aviv College.


Bis zum Eichmann-Prozess wurde die Shoah weder in der Schule, noch in der breiten Öffentlichkeit besonders ausführlich thematisiert. Das Bild der Juden als Opfer passte nicht gut zu dem Bild des „neuen Hebräers“. Auch die Überlebenden wollten die Grausamkeiten des Krieges so schnell wie möglich vergessen, um ein neues Leben in "Erez Israel" zu beginnen. Doch das änderte sich nach dem Eichmann-Prozess, der 1961 in Jerusalem stattfand. Zum ersten Mal erhielten Zeitzeugenaussagen die gleiche Gewichtung wie schriftliche Dokumente. 









Der Campus der Bar Ilan-Universität




Von nun an wurde die Geschichte der Shoah zur Geschichte des gesamten jüdischen Volkes. Es entstanden zahlreiche wissenschaftliche Institute und Bildungseinrichtungen, die sich noch heute ausschließlich mit der Geschichte der Shoah beschäftigen, in der die Zeitzeugen und die oral history eine wichtige Rolle spielen. Auch die Juden, die nicht aus Europa stammen und den Holocaust nicht selbst erlebten, haben diese Geschichte als ihre eigene angenommen. Ich habe den Eindruck, dass in der israelischen Realität die Shoah wie eine Art "staatsbürgerliche Religion" wirkt, die ein wesentliches Element der nationalen Identität ist. Und natürlich ist sie wie alles, was Gegenstand tiefer Emotionen ist, ein ideales Feld für Manipulation und Instrumentalisierung. Ein Beispiel dafür sind für mich die Reisen der israelischen Jugendlichen nach Polen, die sich ausschließlich auf die Besuche der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager beschränken. So kommt es, dass die Polen statt der Deutschen des Holocaust beschuldigt werden. Eine Kollegin aus unserer Gruppe bezeichnete das als fatal. Ich stimme ihr zu.


Interessant fand ich Sznaiders Auffassung zur israelischen Gesellschaft, die seiner Meinung nach aus mehreren Gesellschaften bestehe. Die meisten Israelis halten sich für Europäer. In der Tat, dachte ich mir. Erkläre mal einem Israeli er sei Asiate – dann wirst du was erleben! So nimmt Israel – obwohl nicht offiziell Europa – zum Beispiel am Eurovision Song Contest und an den Europameisterschaften im Fußball teil. In Wirklichkeit aber liegt das Land im Nahen Osten, von Feinden umringt. Und die Gesellschaft ist alles andere als homogen. Die kulturellen Unterschiede, die sich hauptsächlich auf das Herkunftsland der Familie und auf die religiöse Einstellung beziehen, sind enorm. Dennoch ist Sznaider der Meinung, dass gerade die Religion das Bindemittel der Gesellschaft sei. Sie erklärt nicht nur, sondern legitimiert auch die Existenz des gemeinsamen Staates in der Region. Ohne Religion sei der Zionismus nicht zu begreifen. Auch die säkularen Juden seien von der Religion nicht frei. Sie ist überall präsent – im Alltagsleben, in Kultur und Geschichte, in der Politik, und last but not least – in der hebräischen Sprache. Für alles, auch die Dinge, die heute geschehen, findet man entsprechende Stellen in der Thora. (Beispielsweise wird der 6-tägige Krieg 1967 hier von manchen unmittelbar mit der Schöpfung der Welt in sechs Tagen assoziiert!)







Professor Inbar am Rednertisch



Schon ein paar Stunden später bekräftigt das auch Prof. Ephraim Inbar von der Bar Ilan-Universität, indem er sagt: „schon zweimal haben wir unser Land verloren, und das dritte Mal lassen wir es nicht zu.“ Damit meint er die Verschleppung der Juden nach Babylon (586 v.Chr.) und die Vertreibung aus Israel nach der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n.Chr.). Die Bar Ilan-Universität ist eine religiöse Hochschule (dennoch studieren hier nicht nur religiöse Juden, sondern auch arabische Israelis und säkulare Juden) und Ephraim Inbar ist im Lande einer der bekanntesten Sicherheitsexperten. Er gehört zum konservativen Flügel und ist der Meinung, dass Israel ausschließlich auf sich selbst gestellt sei, daher steht die Sicherheit des Landes für ihn an erster Stelle. Die Legitimation dafür gibt ihm die Geschichte. Die (negativen) Reaktionen der internationalen Gemeinschaft und Kritik sind für ihn daher von geringer Bedeutung.










Der Markt in Tel Aviv




Am Nachmittag erwartet uns eine Filmvorführung im Hotel. Chanoch Zeevi, ein junger Filmemacher hat gerade im Rahmen eines Projekts einen Dokumentarfilm gedreht. In „Hitler Kinder“ lässt er Kinder, Enkelkinder und weitere Verwandte von hohen Funktionären des Nationalsozialismus zu Wort kommen. Unter anderen die Nachkommen von Heinrich Himmler, Hermann Göring und Rudolf Höß erzählen, was diese Bürde für sie bedeutet und wie sie ihr ganzes Leben geprägt hat. Es ist ein zweiter Teil geplant, in welchem er mit Kindern und Enkelkindern der Opfer sprechen wird. Wie viele Israelis der jüngeren Generation spürt er ein dringendes Bedürfnis, einen Dialog zwischen den Nachkommen beider Seiten zu initiieren. Nur durch Dialog könne man in den zwischenmenschlichen Beziehungen etwas bewegen, meint er.








Der junge Or Ben Ezra - einer von vier Nightguides




Am Abend empfangen wir vier junge Leute, die sich vorgenommen haben, uns das Nachtleben in Tel Aviv zu zeigen. In kleinen Gruppen machen wir uns in die Stadt auf. Ich schließe mich Or Ben Ezra an. Er führt uns in ein kleines Restaurant in der Innenstadt, wo wir beim köstlichen Essen über dies und jenes plaudern. Er will von uns vieles wissen, und wir von ihm. Or studiert Theaterwissenschaften und ist ein Musiker. Seine Familie stammt aus dem Iran und betreibt einen Catering-Service für persische Küche, um sein Studium zu finanzieren. Die Studiengebühren sind hoch – etwa 3000 Dollar pro Jahr. Dabei kommen wir auf die staatliche Sozialpolitik, die er scharf kritisiert. Auf meine Anmerkung, dass der Staat vor allem für Sicherheit sorgen muss, reagiert er empört. Es gibt vieles, was vernachlässigt wird, wie z.B. die Schulen oder die armen und alten Leute. Und immer mit dem gleichen Argument: die Sicherheit. Aus seiner Sicht lässt auch die israelische Demokratie viel zu Wünschen übrig. Die Minderheiten werden diskriminiert…. Wir leben hier und wir leben heute, sagt er. 









Or hat seine eigene Meinung zur Sozialpolitik Israels


Nach dem Essen wollen wir noch in eine Bar und landen in einem im Hinterhof versteckten Club für Lesben. Der Wein ist gut, die Gesellschaft lustig, der DJ sorgt zusätzlich für eine gute Stimmung und es gibt sogar einen Raum für RaucherInnen! Einfach toll!