Dienstag, 3. Mai 2011

Yom HaShoah

Yom HaShoah – Gedenktag für die Opfer der Shoah. Kurz vor 10 Uhr morgens unterbrechen wir unser Seminar und gehen auf die Straße. Punkt 10 Uhr ertönen die Sirenen. Für zwei Minuten erstarrt das ganze Land. Auf der Straße bleiben die Passanten stehen, Autofahrer stoppen die Motoren und steigen aus. In Erinnerung an die 6 Millionen Ermordeten.

Yom HaShoah – für zwei Minuten erstarrt das ganze Land

Yom Ha Shoah ist ein säkularer staatlicher Feiertag, aber - wie die religiösen Feiertage -  beginnt er bereits am Vorabend. Denn für Juden beginnt und endet ein Tag mit dem Sonnenuntergang, wenn die ersten drei Sterne am Himmel erscheinen. Rechtzeitig verlassen wir also das gastfreundliche Haus von Anita Haviv, um nach Massuah am Kibbutz Tel Jizhak zu fahren, wo eine Gedenkfeier stattfinden wird. Massuah (was in Hebräisch „Flamme“ bedeutet) ist eine Holocaust-Gedenkstätte, die ein Institut für Holocauststudien, eine Bildungsstätte sowie ein Museum beherbergt. Das Ziel der Einrichtung ist es, die Erinnerung und den Diskurs über die Bedeutung des Holocaust für die israelische Gesellschaft und Kultur aufrecht zu halten. Seit Beginn seines  Bestehens beteiligten sich ehrenamtlich auch viele Überlebende an der Arbeit des Instituts, was hier sehr geschätzt wird. Es sind meistens die, die mit der Kinder- und Jugend-Alija nach dem Krieg nach Israel kamen. „Alija“ ist ein hebräisches Wort und bedeutet „Aufstieg“. Es bezeichnet die Rückkehr von Juden in das Gelobte Land. Man immigriert nicht hierher, man steigt auf. Die symbolische Bedeutung dieses Wortes entgeht uns nicht. In einem geräumigen Amphitheater neben dem Museum werden Veranstaltungen abgehalten. Dort müssen wir hin.

Massuah Museum - Alija - der Aufstieg
Vor dem Beginn der Feierlichkeiten schaffen wir es gerade noch, uns das Museum anzuschauen. Dr. Eli Bar Chen, der dort als Dozent arbeitet, zeigt uns die Ausstellung, die hauptsächlich den jungen Juden und ihren Schicksalen vor, im und nach dem Krieg gewidmet ist. Ein Teil der Exposition ist besonders dem Prozess gegen Adolf Eichmann von 1961 in Jerusalem gewidmet. Der Prozess war in Israel der Wendepunkt in der Forschung und vor allem in der Bildung zum Thema Holocaust. Erst seitdem wird die Shoah als eines der zentralen Elemente der gesamtjüdischen Geschichte anerkannt.  

Führung mit Dr. Eli Bar Chen

Nach dem Einbruch der Dunkelheit beginnt die Gedenkfeier. Das Amphitheater ist überfüllt. Hauptsächlich junge Menschen, vor allem Soldatinnen und Soldaten unterschiedlicher Formationen, man erkennt auch zahlreiche Schulklassen. Es werden Reden gehalten, ein Gebet für die Verstorbenen gesprochen, Musik gespielt und Gedichte vorgelesen. Jedes Jahr wird das Leitthema gewechselt. Dieses mal sind die Feierlichkeiten Kindern und Jugendlichen in der Shoah gewidmet. Einer der Redner ist der Oberbefehlshaber der israelischen Streitkräfte. Das soll die Bedeutung der Armee für den israelischen Staat und seiner Gesellschaft unterstreichen. Dann werden von Überlebenden die sechs Flammen entzündet: jede für eine Million. Die siebte Flamme, die von dem Politiker Natan Scharanski anschließend gezündet wird, soll die Zukunft des Staates Israel symbolisieren. Für mich eine klare Botschaft: wir sind da, wir sind stark und wir lassen uns nicht unterkriegen. Nie wieder. Uns entgeht zwar die verbale Tragweite, da wir die Sprache nicht verstehen, aber die ganze Symbolik der Veranstaltung ist doch sehr bewegend. Nicht zuletzt wegen unserer eigenen kollektiven Erinnerung.

Gedenkfeier im Amphitheater neben dem Museum

Am Tag des Yom HaShoah fangen wir mit Anitas Hilfe an, den kulturellen „Code der Israelis“ zu knacken. Das brauchen wir, um besser zu verstehen, was in diesem Schmelztiegel vor sich geht. Zwar sagt man, dass man nach Israel mit tausend Fragen kommt und mit fünftausend nach Hause zurückkehrt, doch mit jedem Vortrag und jedem Gespräch bewegen wir uns nach vorne.

Dieses Mal geht es um die jüdische Identität. Juden machen 75% der ganzen Bevölkerung aus. Dazu kommen 20 % Muslime und 5% andere Konfessionen. Einer der wichtigsten Faktoren der jüdischen Identität ist die Religion. Außer den säkularen gibt es reformierte, orthodoxe und ultraorthodoxe Juden. Anita erklärt uns die Unterschiede und zeigt, was wir anhand der Kopfbedeckungen erraten können.

Anita selbst ist eine nicht religiöse Jüdin, die mit 18 Jahren nach Israel kam. Da sie am Anfang große Probleme hatte, sich in Hebräisch auszudrücken, studierte sie englische und französische Literatur. Da ihre Eltern Überlebende der Shoah sind, hat es natürlich ihr Leben sehr geprägt, sagt sie.

Mit Anitas Hilfe den den kulturellen „Code der Israelis“ knacken

Dann stellt sie uns zwei junge Frauen vor: Talia Hollaender und Rachel Melisse. Beide sind Jüdinnen und Israelinnen, aber ich habe den Eindruck, dass das vielleicht das Einzige ist, was die beiden verbindet. Die in einer Siedlung in den Autonomiegebieten lebende 22 jährige Talia ist sehr religiös und schon verheiratet – daher ihre Kopfbedeckung, die sie selbst „die Schmatte“ nennt. Die Studentin der Kommunikationswissenschaften hat eine religiöse Schule absolviert, in der der Holocaust kein großes Thema war. Doch die Shoah ist in ihrer Familie präsent – ihr Großvater ist ein Überlebender.

Talia Hollaender
Die um etwa zehn Jahre ältere Sozialarbeiterin Rachel Melisse dagegen hat mit 16 Jahren 1992 eine Alija aus Äthiopien nach Israel gemacht. Für sie war das neue Leben als Israelin alles andere als einfach. Für sie war es ein mühsamer Prozess, sich als eine Israelin zu fühlen. Als Farbige hatte sie sich zusätzlich ausgegrenzt gefühlt. Die Shoah ist für sie etwas anderes als für Talia und emotional fühlt sie sich mehr mit den Gedenktagen der äthiopischen Juden verbunden. Und sie setzt sich dafür ein, mehr Aufmerksamkeit für ihre Bevölkerungsgruppe in der israelischen Öffentlichkeit zu erreichen.

Rachel Melisse

Später am Nachmittag treffen wir Lizzie Doron und Etgar Keret. Beide sind bekannte Schriftsteller, beide gehören der sogenannten zweiten Generation an, wie die Kinder der Überlebenden des Holocaust bezeichnet werden. Doch auch sie unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Während die Kindheit von Lizzie vom Trauma ihrer alleinstehenden Mutter gekennzeichnet war, ist Etgar in einer harmonischen und von Optimismus geprägten Familie aufgewachsen. Das spiegelt sich auch in ihrem Schreiben wider: während Lizzie sich mit der  Familiengeschichte in ihren Büchern auseinandersetzt, schreibt Etgar, der als ein enfant terrible der israelischen Literatur gilt, unkonventionelle kurze Erzählungen, in der sich Tragik mit Komik auf eine wunderbare Weise vermischen.

Etgar Keret
Lizzie Doron

Ich glaube, alle haben diesen ersten Einblick in das Leben und in die sehr ungezwungen erzählten persönlichen Geschichten sehr geschätzt. Ich auf jeden Fall tat es.

Fotos: Anna Maria Adamczyk, Elke Meyer-Hoos, Katarzyna Weintraub

Montag, 2. Mai 2011

Tel Aviv, Jaffa, Netanya (1.- 2. Mai)

Tel Aviv

1. Mai. Und Sonntag noch dazu. Doch in Tel Aviv ein ganz normaler Arbeitstag. Das erkennt man vor allem am Straßenverkehr. Autofahrer hupen, schnauzen sich an… Eine typische Mittelmeermetropole. Wenn man einen Tel-Aviver nach dem zentralen Merkmal seiner Stadt fragt, dann lautet die Antwort: Stau. Eine Plage, von der auch wir nicht verschont bleiben.

Stau in Tel Aviv
Als 1921 Meir Dizengoff zum ersten Bürgermeister Tel Avivs ernannt wurde, sagte er: "Ihr werdet sehen: eines Tages wird unsere Stadt zwanzigtausend Einwohner haben!" Heute zählt die auf den Sanddünen in der Nähe vom historischen Jaffa gebaute Stadt insgesamt fast zwei Millionen Einwohner. Es ist eine junge, dynamische Metropole, in der Europa auf Orient und Geschichte auf Zukunft prallt.

Tel Aviv – der Hügel des Frühlings – erweist sich vom ersten Moment an als eine faszinierende und fesselnde Großstadt. Im Bus fahren wir durch die historischen Straßen und Hanni, unsere Reiseführerin, erzählt uns, wie an der Wende zum 20. Jahrhundert, als immer mehr Einwanderer aus Europa nach Palästina strömten, klar wurde, dass die arabische Hafenstadt Jaffa als Einsiedlungsort ausgedient hatte. Zu klein und „zu schäbig“ war sie für die Neuankömmlige aus Europa. Man brauchte eine neue Stadt. Diese wurde von 66 Familien gegründet, die anfingen, ihre Häuser außerhalb Jaffas auf den Dünen zu bauen. Damals entstand der Boulevard Rothschild, die erste Straße der Stadt. Wir fahren die Straße Ben Jehuda entlang, die hauptsächlich von deutschen Emigranten - den Jekkes - bewohnt war, dann geht es auf die Dizengoff Straße.

Die Geschichte der Stadt und seiner Einwohner ist am besten in ihrer Architektur erkennbar. Der koloniale und mauretanische Stil sind genauso präsent, wie der des Eklektizismus und des Bauhauses der 30er Jahre. Die für Tel Aviv typischen Säulenhäuser in Bauhaus-Manier waren dagegen eine schnelle und billige Lösung, als sich nach dem Krieg der Zustrom der Flüchtlinge aus Europa verfünffachte.

Alt neben neu
Während die riesigen Hotels entlang der Strandpromenade als Zeugnisse des wirtschaftlichen Wohlstandes der 70er Jahre in den Himmel ragen, fielen viele historische Baudenkmäler den rücksichtslosen Regeln des Immobilien- und Baumarktes zum Opfer. Erst in den letzten Jahren bemüht man sich um den Erhalt der historisch wertvollen architektonischen Substanz. Überall wird gebaut, renoviert, saniert. In einem neugebauten Haus, noch ohne Fenster, erkenne ich gepanzerte Wände: das werden die Schutzräume sein, die sich in jeder Wohnung befinden. Ein trauriger Standard in allen Neubauten…

Immerhin sind in der Stadt über viertausend Bauhaus-Gebäude erhalten geblieben, die von Architekten wie Arieh Sharon, Dov Carmi, Zeev Rechter, Pinchas Hueth, Josef Neufeld, Genia Averbuch, Richard Kauffmann und Erich Mendelsohn entworfen wurden und seit 2004 Weltkulturerbe der UNESCO sind.

Jizhak-Rabin-Denkmal
Wie japanische Touristen erkunden und fotografieren wir die Stadt durch die Fenster unseres Busses. Doch vor dem Rathaus steigen wir aus, um uns das Jizhak-Rabin-Denkmal anzuschauen. Dort wird die Szene des Attentats vom 4. November 1995 anschaulich präsentiert. Auf dem Rathausplatz steht eine riesige umgekehrt aufgestellte Eisenpyramide – das Schoah-Denkmal.

Auf dem Weg weiter in Richtung Jaffa besuchen wir noch das Shalom-Center, ein riesiges Gebäude, wo sich auch eine Ausstellung zur Geschichte Tel Avivs befindet. Die Ausstellung, die nicht für Touristen konzipiert wurde, ist nur in Hebräisch beschrieben. Trotzdem genießen wie die gut gemachte Exposition. Im Erdgeschoss befindet sich ein riesiges Wandmosaik von Nahum Gutman zur Geschichte der Stadt.

Jaffa
Straßenmusiker in Jaffa
In Jaffa haben wir die Gelegenheit, ein erstes „Bad in der Menge“ zu nehmen. Eine Kollegin verletzt sich dabei am Fuß, so dass sie mit einer Ambulanz ins Krankenhaus gebracht werden muss - es geht ihr schon wieder besser! Einige von uns setzen sich vor ein Caféhaus und beobachten die Menschen. Vorbei strömt eine bunte Mischung aller Schattierungen: schwarz gekleidete arabische Frauen, zwei junge Chassidim - utltraorthodoxe Juden, im Gespräch vertieft, Paare in Hippie-Stil mit kleinen Kindern. Plötzlich taucht eine große Gruppe von dunkelhäutigen, weißgekleideten und meist älteren Frauen und Männern auf: christliche Pilger aus Äthiopien. Ein alter Jude an der Ecke steht vor seinem Trödel-Laden und lockt Kunden in sein Geschäft… Eine ganz andere Welt, als die Weltmetropole da unten!

Äthiopische Pilger in Jaffa
Über viertausend Jahre alt ist Jaffa, die antike, auf einem Hügel gelegene arabische Hafenstadt. Am Via Maris (der Meeresweg, der von Ägypten über Israel nach Mesopotamien führte) gelegen, hatte sie immer eine große strategische und wirtschaftliche Bedeutung. Kein Wunder, dass sich hier die Eroberer die Klinke in die Hand gaben: Ägypter, Phönizier, Griechen, Römer, Kreuzritter, Türken – alle waren hier. Erst als die Engländer in Haifa einen modernen Hafen ausbauten, verlor die Stadt ihre Bedeutung.

Heute ist die immer noch zum großen Teil von Arabern bewohnte Stadt Jaffa eine der größten Touristenattraktionen Tel Avivs. Hier leben Araber und Juden miteinander. Hier befindet sich auch das jüdisch-arabische Theater. In der Altstadt ist eine Künstlerkolonie mit unzähligen kleinen Kunstgalerien heimisch geworden. Wir laufen in Richtung Hafen durch schmale Gassen, die von ihrem orientalischen Charme nichts verloren haben.


Künstlerkolonie
Netanya

Am Nachmittag und mit Verspätung (wieder ein Stau!) kommen wir endlich in Netanya, einer Stadt nördlich von Tel Aviv, bei Anita Haviv an. Anita, eine gebürtige Wienerin, die 1979 nach Israel übersiedelte, ist Gründerin und Leiterin der unabhängigen Agentur „Israel Encounter Programs“, die auf Israel-Bildungsreisen und -Seminare spezialisiert ist. Bei ihr zu Hause wartet auf uns schon ein Imbiss. Ich muss zugeben, dass dieser Besuch für mich – neben dem jungen Chassiden, der in Jaffa auf der Mauer sitzend auf der Flöte spielte – für mich persönlich der bewegendste Eindruck des Tages war. Denn wie oft hat man schon auf einer Gruppenreise die Gelegenheit, einen Blick in ein Privathaus der Einheimischen zu werfen? Zu sehen, wie sie wohnen? In ihrem Garten unter dem Baum zu sitzen und zu plaudern, zu essen und zu trinken? Eine wunderbare Idee! Danke, Anita! 

Im Garten von Anita Haviv
 

Sonntag, 1. Mai 2011

Die ersten Tage - 29.04. – 30.04.


Eines ist sicher: viel Schlaf werde ich während dieser Reise nicht bekommen! Zwar mag das Frühstück um 5:45 Uhr früh vor dem Abflug aus München eher eine Ausnahme sein, doch schon gleich nach dem Vorbereitungsseminar am ersten Tag wurde mir klar, dass die Tage mindestens um ein Paar Stunden zu kurz sind. Nicht nur weil das Programm so kompakt ist, sondern auch weil man mehr Zeit "danach" bräuchte, um all das zu verdauen, was man während des Tages gehört oder erlebt hat.

Die Gruppe
Wie immer, fing die Studienreise der bpb mit einem eintägigen Vorbereitungsseminar an, das in einem Hotel in der Nähe vom Münchener Flughafen stattfand. Da uns die Liste der Teilnehmer schon vorab verschickt wurde, wusste ich, dass fast die Hälfte der Gruppe aus Berlin kommt. Die anderen aus allen Teilen Deutschlands. Auch dieses Mal freute ich mich schon auf die Vorstellungsrunde. Ich war neugierig auf die Menschen, mit denen ich die nächsten zwölf Tage verbringen sollte. Wer sind sie? Was machen sie? Und vor allem: was bewegt sie bei dem Thema der Reise? Dabei gewinnt man doch immer wichtige Anhaltspunkte für erste persönliche Gespräche und Kontakte. Das bestätigte sich schon bei der ersten Kaffeepause. 
Heinrich Bartel erläutert das Programm
Alle scheinen sehr motiviert zu sein, das verspricht eine zusätzliche Bereicherung. Die von uns, die zum ersten Mal nach Israel fahren (und das sind etliche), platzen fast vor Aufregung. Für sie wird der erste Zusammenstoß mit dem Land und den Menschen ganz sicher zu einem besonderen Erlebnis werden. Seitens der Bundeszentrale für politische Bildung werden wir von einem erfahrenem Leitungsteam begleitet: Dr. Heinrich Bartel, Hanna Huhtasaari und Melanie Rapsilber. Sie sind professionell, nett, lustig und zuvorkommend. Und halten alles fest im Griff!

Die Vorträge
Nach der Kaffeepause wird´s ernst. Schon der erste Vortrag widmet sich einem der kompliziertesten Themen der Region: dem israelisch-palästinensischen Konflikt. In 1,5 Stunden versucht Dr. Sabine Hofmann von der Arbeitsstelle Politik des vorderen Orients an der FU Berlin uns die Ursachen, den Verlauf und den aktuellen Stand des Konflikts zu erläutern. Ein Thema, das sich eigentlich in so kurzer Zeit weder erklären, noch richtig verstehen lässt. Manche von uns verlieren dabei den Faden, andere dagegen finden den Vortrag sehr aufschlussreich. Die Fragen danach gelten vor allem den aktuellen Geschehnissen im Gazastreifen und im Westjordanland (d.h. dem Abkommen zwischen Hamas und Fatah), der politischen Lage in den arabischen Ländern (besonderes in Libyen und Syrien) und natürlich den Perspektiven des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses. Uns ist klar, dass dieses Thema – genauso, wie das Thema des Holocausts – uns die ganze Reise über begleiten wird. 

Der erste Vortrag, noch in München
Nach diesem Einstieg erschien das Thema „zum Stand und Perspektiven der deutsch-israelischen Beziehungen“ viel leichter. Der Referent, Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der israelisch-deutschen Industrie- und Handelskammer, beschrieb sie auch anhand der eigenen Biographie. Alroi-Arloser, der nach dem Abitur aus Deutschland nach Israel ausgewandert ist, sieht diese Beziehungen aus der israelischen Perspektive und seine Einschätzungen sind alles andere, als rosig. Mit Bedauern und Beunruhigung beobachtet er seit Jahren eine kontinuierlich sinkende Popularität Israels bei den Deutschen, besonders bei der jungen Generation, was auch zahlreiche Umfragen bestätigen, sagt er. Wohingegen Deutschland bei jungen Israelis immer beliebter werde. Generell sieht er dringenden Handlungsbedarf. Seiner Meinung nach liege das Problem darin, dass der europäische „Antikriegs-Blickwinkel“ mit der Forderung „Nie wieder Krieg“ einfach nicht zu der israelischen Realität passe. Hier seien andere Narrative notwendig. Und so landen wir wieder bei dem Konflikt…
Nachgespräch. Grisha Arloi-Arloser und Mischa Franke

Am nächsten Morgen im Münchener Flughafen: eine sorgfältige Sicherheitskontrolle. Mein Laptop wird überprüft. „Es dauert eine Minute“, sagt der Sicherheitsbeamte. „Macht nichts, ich habe Zeit. Besser eine Minute länger, als eine zu kurz“, antworte ich und wir lachen. Dann noch genaues Abtasten mit einem piepsenden Gerät. Ich muss meine Schuhe ausziehen und sie werden durchleutet. Fertig! 
 
Willkommen in Tel Aviv: Kati begrüßt die Gruppe
Wir landen in Tel Aviv bei bedecktem Himmel – ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Den Ben Gurion Flughafen erkenne ich kaum wieder. Seit meinem letzten Besuch hier wurde er mächtig ausgebaut. Nach der Passkontrolle sind wir schon in der Haupthalle, wo Kati uns mit einem Schild mit bpb-Logo erwartet. Im Bus zum Hotel begrüßt uns Hannelore Fruchter, einfach Hanni genannt - in Israel duzen sich alle. Schabbat shalom! Sie wird unsere Reiseführerin sein. Nach einer kurzen Einführung in das Programm der nächsten Tage und dem Abendessen, führt sie uns noch durch den älteste Stadtteil Tel Avivs, Neve Tzedek. 

Hanni kennt jeden Stein in  Neve Tzedek
Inzwischen ist der Schabbat zu Ende, die Straßen, Cafés und Kneipen füllen sich langsam, hauptsächlich mit jungen Menschen. Wir laufen durch die schmalen Gassen des Nevi Tzedeks mit den alten niedrigen Häusern, hinter ihnen ragen moderne Wolkenkratzer in den Himmel und wir versuchen uns das Leben der Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts vorzustellen. Hanni kennt dort jeden Stein, erzählt die Geschichten der Menschen, die dort gewohnt und gearbeitet haben. An einem Haus bleiben wir stehen. Durch das offene Fenster sehen wir orthodoxe Männer, die singen, tanzen und lachen. Es ist eine kleine Synagoge der Mizrachim – orientalische Juden, die Havdala, das Ende des Schabbat und den Anfang der neuer Woche feiern. Am Ende gelangen wir an einen alten Bahnhof.
 
Tel Avivs erster Bahnhof
Das war der erste Bahnhof in Tel Aviv auf der Strecke, die von Jaffa nach Jerusalem führte. Heute dient das sorgfältig und geschmackvoll renovierte Gelände als Vergnügungsviertel, voll mit kleinen Kneipen und tollen Geschäften. Wir möchten gerne noch dort bleiben, aber es ist spät geworden. Und alle sind müde. Es war ein langer Tag.

Donnerstag, 28. April 2011

Die Autorin stellt sich vor

Katarzyna Weintraub
Es geht los! Wir begeben uns ab Freitag auf eine Reise, die uns in knapp zwei Wochen die jüdische Erinnerungskultur der Gegenwart näher bringen soll… Die Erinnerungskultur? Kann man überhaupt in einer so komplexen, voller Spannungen und Gegensätze geprägten Gesellschaft, wie die israelische, über eine Kultur des Erinnerns sprechen? Sind es nicht eher mehrere Erinnerungskulturen, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen und oft nur eines gemeinsam haben, das sie innigst verbindet: das Land, dieser winzige Fleck auf der Erde? Gerade das wollen wir erfahren: an was erinnert sich eine Nation, deren Identität von einer solch bunten Mischung von Kulturen, Religionen, Mentalitäten und Weltanschauungen geprägt ist und für die Erinnerung ein vorgeschriebenes Gebot ist? Verbindet sie sie, oder teilt sie sie eher? Naja, werden wir mal sehen. Es wird spannend!

Ich habe vor, von dieser spannenden Reise für Sie zu berichten. Wer bin ich? Ich heiße Katarzyna Weintraub und bin freie Journalistin und Reporterin für Rundfunk und Printmedien. Ich bin eine Berlinerin mit Migrationshintergrund. Einem polnischen. Und einem jüdischen noch dazu. Sonst noch was? Ach, ja, um die Sache noch bunter zu machen: ich habe einen schwedischen Pass. „Hybride Identität“, wie man es heute zu nennen pflegt. Kurz gesagt: eine Europäerin eben…

Um mich für diese Reise vorzubereiten, habe ich mir viel Lesematerial geholt, das ich in zwei Stapel sortiert habe: auf die eine Seite legte ich alle Sachbücher, Berichterstattungen und wissenschaftliche Bearbeitungen, auf die andere die Werke der modernen israelischen Literatur (Krimis eingeschlossen!). Natürlich habe ich mir vorgenommen, alles ordentlich durchzulesen. Und natürlich wusste ich, dass es wegen Knappheit der Zeit total unrealistisch ist. Ich musste also eine Auswahl treffen. Logisch wäre es, von jedem Stapel das bedeutendste zu nehmen. Doch, ganz instinktiv gewissermaßen, habe ich mich hauptsächlich für die „schöne Literatur“ entschieden. Um mich für die Menschen vor Ort, auf ihre Gefühle und Erfahrungen offen zu halten. Und um sie dann richtig fragen zu können. Denn meine Erfahrung hat gezeigt, dass wenn man von Anfang an allzu viel weiß, man oft die falschen Fragen stellt… Nun also begebe ich mich auf eine besondere Reise, vollgepumpt mit Bildern des Landes, seiner Menschen und seiner Geschichte (oder zumindest mit einem Teil davon), die mir auf einer schönsten und sensibelsten Weise Lizzie Doron, AmosOz, Meir Shalev, Etgar Keret und Batja Gur vermittelt haben. Kommt doch mit!